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bildung // Lernen für morgen

Ist Flöte spielen noch zeitgemäß? Autorin Lisa Rüffer fragt sich, was sie ihrem Kind beibringen soll, damit es zurechtkommt in einer Welt im technologischen Wandel. Ein Dilemma, das viele Eltern umtreibt.

Ihren ersten Laptop fabrizierte meine Tochter selbst. Sie war ungefähr fünf, als sie mir stolz ihr Werk überreichte: Ein DIN-A4-Blatt war in der Mitte gefaltet. Außen hatte sie einen grauen Apfel aufgemalt, von dem ein kleines Stück fehlte. Klappte man das Blatt auf, waren Tasten mit Zahlen und Buchstaben zu sehen. In meiner Kindheit in den achtziger Jahren hatte es eine klare Gleichung gegeben: Wer technischem Spielzeug nah war, war der Bildung fern und umgekehrt. Wir Bildungsbürger-Kinder gingen in den Musikunterricht, reisten zum Schüleraustausch ins Ausland und mussten in der Freizeit an die frische Luft. Später wurde studiert. Bildung funktionierte nach einem Kanon, der über Jahrhunderte gewachsen war und eine erfolgreiche Zukunft versprach. Doch ist das heute noch der richtige Weg? Drei Jahrzehnte später verändert die digitale Revolution gerade die Welt fundamental und die alte Gleichung stimmt nicht mehr. Aus den bebrillten Nerds von früher sind technologische Visionäre geworden, von denen manche der Wirtschaft und Gesellschaft entscheidende Impulse geben. Wer seine Kinder von Technik fernhält, verbaut ihnen womöglich Chancen. Eltern stehen vor der Frage: Wie statte ich mein Kind für diese Welt aus?

Ohne Medien kein medienkompetentes Kind

Einer repräsentativen Studie zufolge, die der Digitalverband Bitkom in Auftrag gegeben hat, weiß eine knappe Mehrheit, zu der auch ich mich zähle, darauf keine Antwort. 51 Prozent der Eltern schulpflichtiger Kinder fühlen sich manchmal überfordert, dem eigenen Kind die Chancen und Risiken der Digitalisierung nahezubringen. Klar ist nur: Ohne Medien kein medienkompetentes Kind. Danach wird es kompliziert. Als digitale Einwanderer sind viele Eltern von den Erfahrungen ihrer eigenen, weitgehend noch nicht-digitalen Kindheit geprägt. Nostalgisch erinnern wir uns an die Tonabfolge der analogen Einwahl ins Internet, den Soundtrack unserer Jugend. Wir müssen selbst erst lernen, wie es geht, mit Smartphones und Tablets immer online und Teil eines weltweiten Netzwerks zu sein. Weil wir uns mitten in einem Prozess der Veränderung befinden, gibt es keine klaren Regeln, an denen wir uns orientieren können.

„Wir sind alle Pfadfinder“, beschreibt es Sabrina Dietrich von der Initiative D21. Sie ist Sprecherin des gemeinnützigen Netzwerks für die digitale Gesellschaft, in dem digital Affine und Interessierte aus Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Zivilgesellschaft zusammenarbeiten. Zwar gibt es inzwischen zahlreiche Empfehlungen für ein gesundes Aufwachsen mit Medien, wie etwa die Seite surfen-ohne-risiko.net des Bundesfamilienministeriums. Doch jedes Kind geht anders mit Medien um. „Natürlich ist das Maß entscheidend“, sagt Sabrina Dietrich, „aber ob ein Kind alt genug ist, um alleine auf YouTube Videos zu sehen, ist genauso schwer zu beantworten wie die Frage: Wann kann es alleine auf den Spielplatz gehen?“ Eltern müssen sich wie bei vielen Erziehungsfragen auf ihr Bauchgefühl verlassen, wann ihr Kind reif genug ist. „Auf jeden Fall früh anfangen und sich gemeinsam mit dem Thema auseinandersetzen“, rät Sabrina Dietrich und erzählt mit Begeisterung von den Lernspiel-Apps, mit denen ihr kleiner Sohn so viel Spaß hat. Doch neben einem gesunden Maß geht es um die Frage der sinnvollen Förderung. Wie unsere Eltern damals bei uns bestehen auch wir darauf, dass unsere Tochter viel draußen spielt, zum Flötenunterricht geht und sind der Ansicht, dass Langeweile kreativer macht, als mit Einhörnern auf dem Tablet Blumen zu sammeln. 

Digitale Schule allein reicht nicht

Meine Tochter ist inzwischen ein Schulkind. Und vergangenen Herbst hat Bildungsministerin Johanna Wanka versprochen, fünf Milliarden Euro für die Digitalisierung der Bildung einzusetzen. Kann ich das Thema Digitalkompetenz also einfach der Schule überlassen? Zu Beginn des Jahres haben die Verhandlungen zwischen Bund und Ländern begonnen, wie die fünf Milliarden am besten eingesetzt werden. Im Saarland kann man bereits sehen, dass digitale Bildung an Schulen nicht nur eine Frage der IT-Infrastruktur ist. Im November vergangenen Jahres starteten dort zwei voll digitalisierte Smart Schools als Modellprojekt. Lehrer und Schüler sind mit Tablets ausgestattet, die Schulen mit einem stabilen Breitband-Internet versorgt und eine Cloud ermöglicht vernetztes Lernen. Nur bringt die beste Technik nichts, solange Pädagogen die Fähigkeiten und didaktischen Methoden fehlen, sie zu benutzen. 

An den beiden Smart Schools setzt man daher auf eine Kombination von Infrastruktur, Lehrerfortbildung und didaktischer Methodik, die die Technik mit einbezieht. Ein spannender Prozess, der viel zu spät kommt und den Lehrern, die ohnehin immer weniger zum Unterrichten kommen, noch mehr abverlangt. Die Schule betreffend, habe ich also nicht allzu viel Hoffnung für mein Kind. Auch deshalb, weil das deutsche Schulsystem nach wie vor hauptsächlich auf die Vermittlung von Wissen und bestimmten Inhalten setzt. Aber ist das überhaupt noch der richtige Weg? Viele der Berufe, die Erziehungsberechtigte heute ausüben, wird es nicht mehr geben, wenn ihre Kinder zu arbeiten beginnen. Die Digitalisierung verändert die Arbeitswelt und erfordert neue Qualifikationen. Das heißt nicht, dass jedes Kind später einmal Programmierer werden muss. Aber es sollte verstehen, was dahintersteckt. Denn es wird ihm helfen, sich die Welt vertraut zu machen, flexibel zu bleiben, sich immer wieder in neuen Arbeitskontexten zurechtzufinden und lebenslang zu lernen. 

Medienkompetenz als neue Kulturtechnik

In Deutschland fällt das schwer. Die Initiative D21 untersucht jährlich den Digitalisierungsgrad der Gesellschaft. Die Bundesrepublik bewegt sich dabei maximal im Mittelfeld. Die Skepsis gegenüber Veränderung ist groß. Doch wer von der Digitalisierung spricht, als sei das etwas, das bald auf uns zukommt, hat den Schuss verpasst. Wir sind längst mittendrin. In Erziehungs- und Bildungsfragen kommt das erst langsam an. Statt skeptischer Zurückhaltung rät Sabrina Dietrich daher gerade Eltern zur Neugier. Und schlägt vor: „Wer keine Ahnung hat, kann mit dem Kind gemeinsam lernen.“ Bildungsaktivisten wie die amerikanische Informatikerin Jeannette M. Wing fordern, Kindern neben Lesen, Schreiben und Rechnen eine neue Kulturtechnik zu vermitteln. Kinder sollten demnach lernen, wie sie ihre Intelligenz und ihr Wissen mit der Digitalisierung verknüpfen können. Der etwas irreführende Name dafür lautet Computational Thinking. Gemeint ist, sich die Intelligenz der Technik zu Nutze zu machen. Wie stelle ich eine Frage so, dass sie sich mit Hilfe von Technik lösen lässt? Wie vernetze ich mich dazu mit den richtigen Akteuren?

Es ist eine Form des kreativen Denkens, die sich auch in modernen Problemlösungs-Prozessen wie dem Design Thinking wiederfindet. Wer diese Kulturtechnik beherrscht, eignet sich zugleich vier Schlüsselkompetenzen an, die den bestehenden Bildungskanon neben Flötenunterricht und frischer Luft sinnvoll ergänzen: Kommunikation, Teamarbeit, Kreativität und kritisches Denken. Als Digital Natives machen sich unsere Kinder die Technik sowieso intuitiv zu eigen. Das versetzt uns Eltern in die Situation, unser Wissen nicht mehr nur hierarchisch weitergeben zu können. Die Jungen lernen von den Älteren, aber gleichzeitig lernen wir auch von ihnen. Indem wir das Neue mit ihnen entdecken – kommunikativ, kollaborativ und kreativ – können wir es auch gemeinsam kritisch hinterfragen und einordnen.

Die größte Arbeit haben die Eltern zu leisten

Das Gute daran: Wir Eltern wachsen selbst an dieser Aufgabe, wenn wir sie nicht den Schulen zuschieben. Denn in Sachen Digitalisierung müssen viele von uns nachsitzen. Warum also statt der St.-Martins-Laterne nicht mal gemeinsam mit der Tochter eine App basteln? In Berlin und München kann man sich dafür beispielsweise Unterstützung in der HABA-Digitalwerkstatt holen. Der namensgebende Hersteller hochwertiger Holzspielzeuge fördert das Projekt. In vielen anderen Städten gibt es ähnliche Initiativen. Wer sich die Neugier eines Kindes erhält, wird ganz von selbst lebenslang lernen. Eltern können ihre Kinder dabei als Standortvorteil nutzen. Das ändert nichts am klassischen Bildungskanon, der Werte vermittelt. Die Digitalisierung hat dem jedoch etwas Neues hinzugefügt. Die größte Aufgabe haben also nicht unsere Kinder zu leisten, sondern wir Älteren. Das Bild meiner Tochter hängt jetzt an der Wand und erinnert mich daran.