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im gespräch // Mit der Blockchain gegen die zunehmende Monopolisierung des Internets

Dieter Rehfeld über die Rückeroberung unserer Daten, Meldeämter für unser virtuelles Ich und was die Blockchain damit zu tun hat.

Das Gespräch führte Birgit-Sara Fabianek

Was sollte jeder über Blockchain wissen? 

Das Internet ist dabei, sich von einem weltumspannenden Netz der Information zu einem virtuellen Netz zu wandeln, über das wir Verträge gestalten und Handel treiben werden. Dieses Internet der Werte wird in einigen Jahren die Welt deutlich verändern. Ein Teil dieses Internets der Werte ist das Internet of Government, in dem diese Dinge verwaltet und umgesetzt werden. Dafür ist eine neue Technik nötig. Das System der Blockchain ist eine Möglichkeit, diese Transformation des Internets zu gestalten. Deshalb ist jetzt genau der richtige Zeitpunkt dafür, sich damit zu beschäftigen. 

Wenn man die Technologie der Blockchain als eine Art digitales Kassenbuch betrachtet, klingt das eher nach langweiliger Buchhaltung als nach revolutionärer Technik. 

Ich sehe in der Blockchain-Technologie einen neuen Ansatz, Datenverarbeitung sicherer zu betreiben. Und ich sehe darin eine Chance, sich der zunehmenden Monopolisierung und Zentralisierung des Internets zu widersetzen. Bei der Blockchain werden die Daten dezentral über die ans Netzwerk angeschlossenen Rechner verteilt und nicht über zentrale Server gesammelt. Das fördert die Machtverteilung. 

Was haben denn die Kommunen davon? 

Man kann die Blockchain nicht nur als eine Art Kassenbuch verstehen, sondern auch als dezentrales Register. Eine wesentliche Aufgabe von Verwaltungen besteht darin, Bürgern oder Organisationen Rechte zuzuweisen: Sie dürfen hier ein Haus bauen, einen Hund halten, ihren Partner heiraten oder ein Fahrzeug führen. Jede Veränderung dieser Zuweisung wird ebenfalls von Verwaltungen verfolgt, dokumentiert und so archiviert, dass diese Schritte jederzeit nachvollziehbar sind. Früher hat man das auf Papier gemacht, heute passiert das elektronisch. Es ist ein immenser Aufwand, diese vielen und vielfach sehr unterschiedlichen Datenbanken zu koordinieren. Und die Ergebnisse sind immer sehr aufwändige Insellösungen. Mit der Blockchain dagegen könnten alle anfallenden Daten in einem einzigen Register dezentral und pseudonymisiert gesammelt werden und zentral zur Verfügung stehen. Und schwer anzugreifen wäre dieses Netzwerk überdies. 

Ich verstehe, dass die Blockchain eine Chance für Verwaltungen ist, ihre Daten dezentral zu hosten, aber zentral zu nutzen. Aber das kann mir als einzelner Bürger ziemlich egal sein, oder? 

Nein, im Gegenteil: Mit dem Blockchain-Verfahren können Sie sich als Bürger Ihre Datenhoheit zurückerobern. Die Blockchain ermöglicht es jedem Bürger, sich eine einmalige virtuelle Identität zu schaffen und sie selbst zu managen. Heute dagegen geben wir an zig Portalen unsere Daten ab, ohne zu wissen, was mit ihnen geschieht. 

Wie funktioniert das?

Sie könnten die Blockchain zum Beispiel dazu verwenden, um auf unterschiedlichen Portalen etwas zu bestellen, ohne in jedem Portal einzeln all Ihre Daten zu hinterlegen. Sie bestellen etwas, authentifizieren sich mit einem Kennwort und dann darf das Portal mit einem Zeitstempel versehen die benötigten Daten, zum Beispiel Ihre Adresse und Ihre Bankverbindung, für eine bestimmte Zeit nutzen – bis der Bestellvorgang abgeschlossen ist.

Und ich könnte jederzeit kontrollieren, welche Daten in der Blockchain über mich gespeichert sind?

Das kommt auf die Ausgestaltung an. Prinzipiell ist es möglich, nachzuverfolgen: Wer hat wann auf meine Daten zugegriffen? Welche Zugriffe habe ich wem erlaubt? Wann war das? Klingt selbstbestimmter, als seine virtuelle Identität ohne jede Kontrolle großen Konzernen wie Amazon, Facebook oder Google zu überlassen. Genau. So ist die virtuelle Identität gebündelt und sicher an einer Stelle. Man kann auch noch weiterdenken: Heute geben Kommunen Personalausweise aus, Reisepässe, sie führen das Einwohnermelderegister – wäre es nicht an der Zeit, den Kommunen die Aufgabe zu übertragen, für ihre Bewohner nicht nur ihre bürgerliche, sondern auch die digitale Identität zu führen? Mit der Blockchain lässt sich diese Aufgabe technisch lösen. Es ist ein fälschungssicheres System, das nicht zerstört werden kann, eine hohe Sicherheit bietet und auch dann noch funktioniert, wenn es angegriffen wird.

Die Frage ist, ob unser digitales Ich etwas ist, das privat verwaltet werden sollte. 

Ja. Aus meiner Sicht sind wir in der Digitalisierung der Gesellschaft an dem Punkt zu überlegen, ob die Verwaltung der digitalen Identität in die Hände jedes Einzelnen gehört oder ob es eine infrastrukturelle Aufgabe ist, wie ein Geburtsregister oder das Einwohnermelderegister. Unser virtuelles Ich ist viel entwickelter als noch vor zehn Jahren – mit der Blockchain-Technologie haben wir ein Werkzeug, um darauf angemessen zu reagieren. 

Ich habe noch nie näher über meine virtuelle Identität nachgedacht.

Aber genau darum wird es einen Kampf geben, er läuft bereits. Denn anders als Sie denken Google und Co. schon länger darüber nach. Die haben erkannt, dass die zentrale Position in der digitalen Wirtschaft und Gesellschaft über den Zugang zur virtuellen Identität läuft. Mit einem Facebook-Konto kann man sich heute bereits an vielen Stellen anmelden. Facebook hat inoffiziell längst die Aufgabe von Meldeämtern übernommen. Die Frage ist: Wollen wir das? 

Haben die Kommunen diese Entwicklung überhaupt schon mitbekommen?

Nein. Ich hoffe darauf, dass sich die Kommunen diesem Thema kritisch und konstruktiv zuwenden und die Notwendigkeit erkennen, dass es Zeit ist zu handeln. Und dass sie anfangen, mit den Möglichkeiten der Blockchain zu experimentieren.

Gibt es denn schon Anwendungen, die kommunale Organisationen ausprobieren können? 

Den Nachbarschaftsstrom zum Beispiel: Wir setzen uns dafür ein, dass der Strom, der im Rheinland erzeugt wird, auch dort verbraucht wird. Dafür haben wir auf Basis der Blockchain eine kaufmännische Lösung entwickelt, die den Stromerzeuger mit dem Verbraucher nebenan zusammenbringt. Das könnte ein Geschäftsfeld für Energieversorger sein, die Neues wagen wollen.