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porträt // „Neue Medien sollen das Lernen erleichtern, aber nicht um jeden Preis“

Mathelehrer und Medienkoordinator Frajo Ligmann aus Würselen ist bekennender Nerd. Er glaubt an den individualisierten Lernprozess mit digitalen Medien - statt bloßer Anwesenheit während des Frontalunterrichts.

von Bernd Müllender

„Danka, Frau Wanka“, twitterte Studiendirektor Ligmann schnodderig, als seine Schule, das Gymnasium Würselen, im Januar für das beste digitale Bildungsprojekt in Deutschland ausgezeichnet wurde. Wer die Bundesbildungsministerin so kalauernd respektlos anspricht wie der Mathe- und Informatiklehrer Frajo Ligmann, könnte auch Kabarettist sein, denkt man. „Ich habe tatsächlich fast 30 Jahre lang Kabarett gemacht“, sagt Ligmann und lacht, „im Aachener Duo Naseweis.“

DIGITALE REVOLUTION IM KLASSENZIMMER

Der 51-Jährige ist ebenso schlagfertig wie überzeugt von seinem Projekt, das maßgeblich zum Innovationspreis 2017 geführt hat. Frajo Ligmann hat das Flipped-Classroom-Konzept auf seine Schule zugeschnitten und organisiert. Ausgeflippte Schulklasse? Flipped Classroom heißt frei übersetzt: vertauschter Unterricht. Lehren die Schüler dabei den Lehrer, was Sache ist? Der guten Stimmung nach, die in der achten Klasse herrscht, könnte man auf tatsächlich auf diese Idee kommen. In Ligmanns Mathestunde wird viel gelacht und gefragt, alle sind emsig bei der Sache. Und die 13- bis 14-Jährigen arbeiten tatsächlich anders: Was sie sonst im Unterricht lernen, bringen sie sich jetzt Zuhause selbst bei – und üben das Gelernte anschließend gemeinsam im Klassenraum. Wie das funktioniert? Zuhause haben die Schüler sich auf ihren iPads einen neuen Lerninhalt auf einem Erklärvideo angesehen. In den Unterrichtsstunden wenden sie das Gesehene in kleinen Übungs-Sessions an, fragen Dinge nach, die sie nicht verstanden haben und verinnerlichen dadurch den Stoff. Die Aufgaben im Klassenraum erledigt jeder Schüler an seinem iPad, die Antworten aller Schüler tauchen anschließend vorne auf Ligmanns Laptop auf. Besonders angefeuert reagieren sie, als ihr Lehrer die Fragen, die per Beamer über der alten Kreidetafel aufploppen, als Wettbewerb präsentiert. Die Schüler sollen Formeln finden für Kreis, Radius, Flächeninhalten von Dreiecken ? mit Multiple-Choice-Antworten wie bei „Wer wird Millionär?“ Punkte gibt es auch nach Zeit. Emilie führt lange vor Henri, was für einiges Gemurmel sorgt und der Aufforderung „Weiter so“. Dann vergeigt sie die letzte Frage. Tagessieger Henri grinst. Bei einer Aufgabe weiß die Hälfte der Schüler nicht weiter. Ligmann sagt: „Helft Euch in Kleingruppen, los.“ Die Kinder geben sich gegenseitig Nachhilfe: Wer etwas verstanden hat, erklärt es seinem Nachbarn. „Ich möchte mehr moderieren statt informieren“, sagt Ligmann. Einen kleinen kreativen Tumult zu entfesseln wie jetzt, gehört für ihn dazu. Auch mündliche Zwischenfragen wirft er in die Runde: „Warum ist Pi nicht ungerade? Fängt doch mit 3 an …?“ – „Ja, weil, äääh …“ Ein Junge zeigt sein Arbeitsergebnis: „Ist das so ungefähr richtig?“ Ungefähr – in Mathematik! Ligmann wird einiges noch einmal ganz genau erklären müssen.

MISSION MEDIENKOMPETENZ

Herkömmlicher Frontalunterricht, sagt Frajo Ligmann, der sich selbst als „Nerd“ bezeichnet, „funktioniert selten.“ Das wisse man seit langem, dafür seien die einzelnen Schüler einer Klasse einfach zu unterschiedlich: „Eine kommt dran, einer muss nach vorne, blamiert sich vielleicht, die anderen langweilen sich …“ Ligmann sieht sich auf einer Mission. Jenseits des Flipped Classroom müsse in der Schule die digitale Medienkompetenz gestärkt werden – „wo sonst?“ Neulich hat er auf Twitter gepostet: „Seminarkonferenz: Es sollte darum gehen, die Grenzen des digitalen Lernens zu diskutieren. Mannomann, wir waren noch nicht mal bei den Möglichkeiten.“ Der Schul-Medienkoordinator Ligmann leitet zweiwöchige Erfahrungskonferenzen mit beteiligten Kollegen. „Wir müssen uns ständig austauschen und Probleme, die auftauchen, sofort angehen.“ Auch im Sportunterricht erwiesen sich Übungen mit iPads und digitalen Bewegungsanalysen als hilfreich. Seine Klasse ist vernetzt. Das ermöglicht es dem Lehrer zu sehen, wer wann wie lange die Videos geguckt hat und an welcher Stelle wegen Unklarheiten zurückgespult wurde. Manchmal müssen die Schüler zwischendrin online auch kleine Aufgaben lösen. „So kann ich den Lernprozess bei jedem genau verfolgen.“ Zudem haben die Achtklässler eine Mathe-Chatgruppe gegründet. „Total cool“, lobt Ligmann, „die haben sie selbst aufgebaut und mich sogar dazu eingeladen.“ Meist lasse er sie alleine machen. „Ich gebe schon mal einen kleinen Kommentar. Aber ich kann auch genau sehen, wo es hakt.“ 

HINTER DIGITALEM UNTERRICHT STECKT HARTE ARBEIT

Seine iPad-Klasse läuft auch deshalb so reibungslos, weil die Idee vorher grandios gescheitert war. Schon vor neun Jahren wollte die Schule ein ähnliches Projekt starten, doch es war schlecht vorbereitet, enthielt viele konzeptionelle Fehler wie uneinheitliche schwere Laptops statt schlanker Tablets, wenig Unterstützung im Kollegium, technische Probleme, frustrierte Schüler und Eltern. Ligmann, seit 2010 in Würselen tätig, hat zwei Jahre intensiv an einem Neustart gearbeitet. „Am wichtigsten war und ist es, alle vom Konzept zu überzeugen, vor allem das Kollegium.“ Eine Herkulesaufgabe, so scheint es: „Lehrer zu etwas Neuem zu motivieren ist außerordentlich schwer, manche haben eine ganz andere Bildungsauffassung.“ Die Eltern zahlen 20 Euro im Monat für die geleasten Tablets, mit im Boot ist auch die Stadt Würselen als Schulträger. Die regio IT als kommunaler IT-Dienstleister der Stadt hat eine Lernplattform aufgebaut. „Extrem wichtig, die Leute von der regio iT haben uns gerade bei technischen Anfangsproblemen immer umgehend geholfen.“Die Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule, Lehrstuhl Fachdidaktik, begleitet das Projekt, beobachtet, wertet aus, sorgt für Erfahrungsaustausch. Die ständige Reibung und Auseinandersetzung mit dem Kollegium stört Frajo Ligmann nicht, im Gegenteil. Wenn der Pessimismus der technikkritischen Kollegen ihm bisweilen zu viel wird, entlastet er sich auf Twitter. Dort schrieb er neulich: „Digitale Werkzeuge können Unterricht verändern. Das scheint für viele das Grundproblem zu sein.“