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digitaler nachlass // Gestorben, aber nicht gelöscht

Was passiert eigentlich mit den Profilen, die ein Verstorbener in digitalen Netzwerken wie Facebook oder Instagram hinterlässt, oder den Daten, die er in einer Cloud gespeichert hat? Sie führen ein Eigenleben. Besser, man kümmert sich schon vorher um sein digitales Leben nach dem Tod.

von Martin Rasper

Gibt es ein Leben nach dem Tod? Niemand weiß es, aber eines scheint sicher: Unser Leben wird immer digitaler – und wenn wir sterben, bleibt das Zeug übrig und lebt weiter. „Juhu die 1000 geknackt!“, lautet beispielsweise der jüngste Eintrag auf dem Twitter-Account des Komikers Dirk Bach. „Vielen Dank fürs followen trotz meiner wenigen Tweets. Ich verspreche aber, dass ich im Urlaub diese nachhole.“ Klingt doch ziemlich lebendig! Mit dem kleinen Schönheitsfehler, dass Dirk Bach vor fünf Jahren gestorben ist. Der Dramatiker Bertolt Brecht, in gänzlich analogen Zeiten lebend, scheint so etwas vorausgeahnt zu haben: „Ein Mensch ist erst wirklich tot“, schrieb er, „wenn niemand mehr an ihn denkt.“  

Es geht dabei nicht nur um Handy und PC. Sondern auch um das, was in der Cloud gespeichert ist: Fotos und Videos, die wir irgendwann irgendwo eingestellt haben. Unsere Biografien auf Facebook oder Instagram. Der Twitter-Account. Der Youtube-Kanal. Das Netflix-Abo. Der Spotify-Account. Unsere Mailkonten, unsere Kundenkonten bei Onlineshops, unsere Geldanlagen, Kontozugänge.  

Was passiert damit, wenn wir tot sind? Wer entscheidet, was wichtig ist und was nicht? Wer hat den Zugriff? Hat überhaupt jemand Zugriff? Längst führen wir im Internet ein zweites Leben, das bei manchen Leuten intensiver ist als das reale. Aber nur wenige machen sich Gedanken darüber, was ohne uns daraus wird. In einer Umfrage des Branchen-Verbandes Bitkom gaben vier von fünf Befragten an, keinerlei digitale Vorsorge getroffen zu haben. „Da herrscht vielfach noch die klassische Haltung des Verdrängens und Vergessens“, sagt Mario C. G. Juhnke, Mitveranstalter des Fachkongresses Digina. Die Info-Seite machts-gut.de drückt es anschaulich aus: „Etwa alle drei Minuten stirbt in Deutschland ein Facebook-Nutzer, ohne zu entscheiden, was mit seinen geposteten Inhalten, Likes und Fotos passieren soll.“ 

Das ist das Problem: Für den gesunden Menschenverstand sind die digitalen Daten Teil des persönlichen Besitzes – und damit des Erbes, über das die Hinterbliebenen verfügen können. Aber so einfach ist es nicht. Was ein Onlinedienst mit den Daten seiner Nutzer machen darf, wird nicht vom Gesetz geregelt, sondern durch Nutzungsbestimmungen. Bei Facebook und vielen anderen Diensten gibt der Nutzer bekanntlich alle Rechte an seinen Inhalten ab. Und was die Firma genau mit den Daten anstellt, bleibt geheim. Genau dieses Unbehagen äußerte kürzlich der Journalist und Blogger Richard Gutjahr: „Wenn das digitale Album meines Kindes weg ist, ist es weg. Aber der Zustand, dass ich es lösche, und eine Firma hat es trotzdem noch und kann damit machen, was sie will – das würde mich schmerzen.“  

Bei Google kann der Nutzer entscheiden, wie im Fall seines Todes mit den Daten verfahren werden soll. Loggt sich jemand drei, sechs, neun oder zwölf Monate lang nicht ein (der Zeitraum kann selbst gewählt werden), dann gilt der Account als „inaktiv“, und eine Person, die man vorher bestimmt hat, wird per Mail benachrichtigt, dass man vom Verstorbenen als Nachlassverwalter bestimmt wurde, um darüber zu entscheiden, was mit den Daten geschieht. Ähnlich regelt es das Netzwerk Xing: Das schaltet einen Account zunächst auf „inaktiv“, wenn es vom Tod des Nutzers benachrichtigt wird. Damit existieren die Daten noch, sind aber nicht sichtbar. Erst nach einigen Monaten werden die  Daten gelöscht. So können sie im Fall eines Versehens wieder aktiviert werden. Was alle Onlinedienste eint: Sie geben sich extrem strikt, was den Umgang mit Konten Verstorbener angeht: Angehörige, sofern sie nicht über die Zugangsdaten verfügen, bekommen keinen Zugang. Sie können allenfalls den Account komplett löschen lassen.   

International bekannt wurde der Kampf eines Elternpaares gegen Facebook, dessen Tochter von einer U-Bahn getötet worden war. Weil nicht geklärt werden konnte, ob es ein Unfall war oder Selbstmord, erhofften sich die Eltern aus dem Facebook-Account der Tochter Aufschluss darüber, ob sie Suizidabsichten gehabt hatte oder nicht. Doch Facebook verweigerte den Zugang, legte auch gegen Gerichtsurteile, die den Eltern Recht gaben, stets Berufung ein. Jetzt ist der Fall beim Bundesgerichtshof anhängig. Das (durchaus ernstzunehmende) Argument von Facebook: Bei den digitalen Kontakten sind ja Dritte beteiligt – und deren Recht gilt es zu schützen. Wer rechtzeitig, also zu Lebzeiten, daran denkt, kann bei Facebook einen Menschen bestimmen, der sich im Fall eines Falles um den Account kümmern soll. Freilich muss der auch bei Facebook angemeldet sein.   

Wie man sieht, treffen bei dem Thema verschiedene Rechtsgüter aufeinander, es kollidieren unter anderem das Datenschutzrecht und das Persönlichkeitsrecht. Deshalb fordern Experten, dass der Gesetzgeber sich schleunigst darum kümmern solle. „Wir brauchen klarere gesetzliche Rahmenbedingungen“, fordert etwa Diana Stachowitz, familienpolitische Sprecherin der bayerischen SPD. Wie sehr das Thema in Bewegung ist, zeigt sich auch daran, dass die Experten momentan aus unterschiedlichen Richtungen kommen: Es gibt Anwälte, die bereits auf Erbrecht spezialisiert sind und ihre Kompetenz auf das digitale Thema erweitern; es gibt Banken, die häufig als Testamentsvollstrecker fungieren und sich daher auch mit digitalen Nachlässen beschäftigen müssen; und es gibt eine dritte Gruppe, vielleicht die kompetenteste: Leute, die schon Spezialisten fürs Digitale sind, etwa für Suchmaschinenoptimierung.    

So wie Gerda von Radetzky. Die Internet-Expertin berät mit ihrer Firma digitale-existenz.com Unternehmen und Privatleute bei der digitalen Vorsorge. Bei ihr kam der Anstoß durch einen Kunden, den sie bei Internetpräsenz, Online-Vermögensverwaltung und ähnlichem beraten hatte. Der habe am Ende gesagt: „Jetzt haben Sie mich hier so gut beraten – aber was passiert denn mit all dem, wenn ich nicht mehr bin?“ Die Beraterin machte daraufhin mit ihren Kunden erstmal eine Analyse der Situation. „Die größte Schwierigkeit haben Erben, die keinerlei Zugang zu den digitalen Daten des Verstorbenen haben“, sagt sie. Deshalb muss, möglichst noch zu Lebzeiten, eine Auflistung sämtlicher Internetaktivitäten her. „Und dann gilt es eben möglicherweise zu differenzieren: Wer soll an welche E-Mail-Konten herankommen können? Die geschäftlichen sind eher für den Firmenpartner wichtig, die privaten für den Lebenspartner.“  

Im Grunde geht es darum, unseren gesamten digitalen Alltag zu ordnen und selbst im Griff zu haben. Als ersten Schritt empfehlen Experten, eine Liste mit sämtlichen Accounts zu machen, die man jemals angelegt hat oder die noch aktiv sind – samt Zugangsdaten natürlich. Und diese Liste außerhalb des Computers aufzubewahren, an einem sicheren Ort, vielleicht bei den anderen wichtigen Dokumenten oder in einem Safe. Oder eben beim digitalen Nachlassverwalter.    

Die zentrale Frage, die sich jeder stellen muss: Was soll mit meinen Daten geschehen? Sollen meine Eltern, sollen meine Kinder den uneingeschränkten Zugriff haben? Oder wer sonst?