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wirtschaft // Im Supermarkt der Zukunft

Ein Kölner Modell-Supermarkt verbindet analoges Einkaufsgefühl mit Smart Home und digitalem Shoppen. Dabei soll Einkaufen zum emotionalen Erlebnis werden - so wird es zumindest dem Kunden versprochen. Ob`s funktioniert?

Autor Bernd Müllender auf Einkaufstour in Köln

Mittlerweile gibt es Leute, die zuletzt vor Jahren ein Geschäft für einen Großeinkauf betreten haben. Einkaufen geht auch online, und dazu so bequem – ob man ein Buch bei Amazon bestellt und anderes gleich dazu, ob man Katzenstreu oder Mineralwasser per App ordert oder ein Online-Abo für fairen Kaffee abschließt. Längst boomt E-Commerce auch bei Lebensmitteln. Zwischen Juli und September 2017 wurden online viel mehr Lebensmittel gekauft, als in den Monaten davor. Nicht schön für stationäre Geschäfte vor Ort. Dem will der „Supermarkt der Zukunft“ entgegenwirken. Im Industriegebiet Köln-Ehrenfeld ist er als Modell aufgebaut: eine hybride Kombination aus Retro-Einkauf im Geschäft und digitalem Shopping. „Einkaufen als emotionales Erlebnis“ heißt das. Dieses Erlebnis soll vor allem über intelligente Software vermittelt werden. Was damit gemeint ist, zeigt ein Probelauf vor Ort.  

Der digitale Assistent

Auch in der Zukunft beginnt der Einkauf zuhause. Nur planen muss man nicht mehr allein. Dafür gibt es einen virtuellen Assistenten. Im „Supermarkt der Zukunft“ in Köln spielen wir vor dem Shopping das vernetzte Zuhause durch. „Willkommen in meiner Küche“, begrüßt mich mein Voice Assistant Toni mit digitaler Herzlichkeit auf einem Bildschirm. Toni hat die aktuellen Vorräte per App überprüft und macht Essensvorschläge inklusive Rezepten für die Gäste am Abend. Okay? Ja. Er checkt, wo der gewünschte Wein gerade am preiswertesten ist und bestellt. Ich könnte ihm auch sagen: „Toni, bestell uns bitte Pizza.“ Er würde „Ja, gern“ sagen und fragen „Con tutto, wie immer?“ Dann wünscht Toni einen schönen Tag und sagt „Nimm doch bitte den Müll mit.“ 

Tja, lächelt Klaus Kaufmann, Müll sei halt noch nicht digitalisierbar. Der 47-Jährige ist Manager E-Business der Firma GS1 hier in Ehrenfeld. GS1 (Global Standards One) ist ein weltweiter Zusammenschluss der Industrie, der branchenübergreifende, weltweit gültige Standards entwickelt. Solche Standards sind rechtlich und organisatorisch wichtig. Werkzeuge sind Barcodes, QR-Codes oder industriespezifische digitale Etiketten. Sie erlauben die universelle Rückverfolgbarkeit eines Produkts von Rohstoffgewinnung und Herstellung über Transport, Lagerung bis zum Verkauf. Ganz gleich, ob es um Filztaschen, Feuerzeuge oder Rinderhüften geht.   Der Supermarkt im ersten Stock des Bürogebäudes soll den digitalen Nutzen für das letzte Glied der Verwertungskette demonstrieren: die Verbraucher. Also, Tür auf: ein richtiger Laden, 150 Quadratmeter, Regale mit Attrappen von Gemüse, Konserven, Süßigkeiten, Pflegebedarf, ansprechend ausgeleuchtet, alles sehr freundlich.  

Unsichtbare Begleiter

Um das neue Einkaufserlebnis zu testen, bekommt jeder Besucher ein Tablet, auf dem alle Anwendungen startbereit sind. Mein virtueller Demo-Einkäufer heißt Michael, er soll mein Alter Ego sein. Aber Michael bockt. Er ist in den Tiefen des Tablets verschwunden und lässt sich nicht anklicken. Klaus Kaufmann fingert auf der Tastatur, erfolglos. „Wir wollen zeigen, was kommen wird“, sagt er derweil. „Das wirkt alles vielleicht futuristisch, aber es ist nicht aufzuhalten.“ Michael lässt sich nach wie vor nicht starten, die Zukunft macht nicht mit. Vorführeffekt. Ärgerlich.  Im Supermarkt müssen Tablet oder Smartphone dabei sein – und WLAN oder Bluetooth aktiviert. Die künstliche Intelligenz im Raum will mich ja erkennen und mit mir kommunizieren. Statt Michael bekomme ich eine andere vorinstallierte Identität: Ich bin jetzt Julia. Julia funktioniert. Und schon bekommt mein Julia-Ich ein Sonderangebot aufs Tablet. 30 Prozent Rabatt heute auf mein Lieblings-Duschgel. 

Schlaue Verpackungen

An der Packung für das favorisierte Pasta-Gericht findet sich kein Preis, kein Code. Was kostet das denn? Wenn man die Kamera des Tablets auf die Verpackung richtet, entlockt sie der braunen Papierhülle über ein unsichtbares digitales Wasserzeichen alle Infos. „Gerippte Fleischtomate“ aus Italien, „sehr guter Geschmack“. Herkunft Parma. Preis 4,99 Euro. Der Hersteller heißt Giovanni. Aha! Nur, was Giovanni macht, weiß ich nicht. Ist er Padrone der Mafia oder zahlt er faire Löhne? Informationen machen neugierig auf noch mehr Infos, etwa:  Wer verpackt das alles, vielleicht die Firma von Luigi, der schwarz arbeitende Flüchtlinge ausbeutet? Wie CO2-intensiv wird transportiert?  

Tracking 

Über Bluetooth verfolgen mich sogenannte Beacons. Diese Indoor-Sender können mich mit einem unsichtbaren Leuchtfeuer automatisch identifizieren, meinen Weg verfolgen und Push-Nachrichten schicken, zum Beispiel personalisierte Werbung, wenn ich als ausgewiesener Sportler gerade am Sonderangebot für Protein-Drinks vorbeizulaufen drohe. Datenschützer warnen: Automatisch abgegriffen werden Identität, vielleicht auch Infos über politische, kulturelle und sexuelle Präferenzen oder gespeicherte Kauf-Gewohnheiten, die sofort per Werbung angestachelt werden. Kurz: Ein Persönlichkeitsprofil. Wo landen die Daten, in welcher Cloud, bei welcher Firma, womit werden sie verknüpft? Hier und heute in Köln-Ehrenfeld ist das alles noch ein Spiel. Aber schon in der Einkaufs-Mall um die Ecke ist es vielleicht längst üblich, Smartphones zu tracken und unsere Laufwege zu speichern. Ohne unser Wissen und erst recht ohne Zustimmung. Ob das rechtens ist, darüber berät bald das EU-Parlament. 

Gesichtserkennung  

Schlaue Kameras können den Gesichtsausdruck scannen und mit den gespeicherten Präferenzen personalisierte Kochrezepte empfehlen (Süßspeisen gegen hängende Mundwinkel oder Sauertöpfigkeit). Erste Feldversuche liefen bereits in realen Supermärkten. Auch bei GS1 führen sie diesen Versuchsaufbau vor, ein Oreo-Kuchen lautet die Empfehlung des Tages. 

Nach Hause bestellen

Derweil packe ich, immer noch als Julia, das mir angepriesene und heruntergesetzte Lieblings-Duschgel ein. Nur eine Packung ist noch da, leider. Code scannen und ein zweites liefern lassen, kein Problem. Im automatisierten Supermarkt der Zukunft sind Paketpostboxen in meinem Wohnhaus vorgesehen, digital gesichert und per PIN zu öffnen. Wenn ich nach Hause komme, ist das zweite Duschgel schon da, auf Wunsch CO2-frei geliefert. 

Zahlen ohne Kasse

Im „Supermarkt der Zukunft“ in Köln geht man am Ende an der Kasse vorbei, ohne sein Portemonnaie zu zücken. Das Geld wird über hinterlegte Daten automatisch vom Tablet gescannt. Keine Warteschlange, keine Kleingeldsuche. Danke, Beacons. Cool, sagen junge Leute, wie easy das Kaufen mit den neuen Gadgets und digitalen Assistenten wird. Vor dem Markt ist übrigens ein Zebrastreifen aufgemalt, der Hinweis zum Airport und ein Bushaltestellen-Schild aufgebaut: Analoge Gimmicks sind das – als Anker zur gewohnten Welt.   Nach dem Einkauf bietet mir Sprachassistent Toni auf Wunsch noch Kochvideos an: „Bitte die Cooking Playlist vorspielen.“ Er kann auch die Cappuccino-Maschine anwerfen oder auf ein „Mir ist kalt“ die Heizung hochdrehen. Sprachsteuerung ist möglicherweise eine Wohltat für Menschen mit Handicap. Aber ich fühle mich dadurch eher unselbstständiger.  

Einkaufen mit Schwätzchen

Abends wieder zu Hause, zurück aus der Zukunft, gehe ich erst mal wirklich einkaufen, ganz altmodisch im türkischen Gemüsemarkt der Gegenwart gegenüber: Obst, Salat, Joghurt und die beste Orangenmarmelade der Welt (hier per Zufall irgendwann entdeckt). Dazu gibt es ein kleines Schwätzchen und, wie so oft, eine dicke Honigmelone umsonst: „Für deinen Sohn, isst er doch so gern.“ Nebenan knattert das stinkende Liefermofa des Italieners los, um ein paar Straßen weiter eine ofenfrische Pizza dreiviertelwarm auszuliefern. Wahrscheinlich ganz altväterlich über eine Lieferando-App bestellt. Und künftig von den Tonis dieser Welt.