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im gespräch // „Wir haben das Recht auf Unvollständigkeit“

Theaterautor und Regisseur Jörg Albrecht über den Ernst des Spielens und wieso es kein Drama ist, aus seiner Rolle zu fallen.

Das Gespräch führte Birgit-Sara Fabianek

Wenn Kinder spielen, dann sagen sie gern sowas wie „Ich wäre wohl jetzt ein Riese“ und schon sind sie in einer anderen Welt. Ist dieses So-Tun-Als-Ob eine Art Zauberformel fürs Spielen?

Ja. Sie erinnert uns daran, dass wir alle Konstrukteure unserer eigenen Wirklichkeit sind. Wer spielt, probiert aus, testet Grenzen, verschiebt sie und entdeckt: Es gibt nicht die eine Wahrheit. Was ich als wahr erlebe, hängt von der Perspektive ab, mit der ich auf die Welt gucke: Meine Wirklichkeit als Riese ist eine andere denn als Zwerg. Spielen ist Leben im Konjunktiv.

Wieso ist dieser Konjunktiv so wichtig?

Weil ohne den Spielraum für Möglichkeiten nichts Neues entsteht. So-Tun-Als-Ob ist ja nicht nur die Vereinbarung fürs Spielen, sondern auch die Formel für schöpferisches Schaffen an sich.

Was lernen Kinder denn noch, wenn sie Mutter-Vater-Kind spielen oder „Die entlaufenen Katzen verstecken sich vor dem Jäger und durchqueren heimlich das Gebirge“?

Sie lernen, was sie fürs Leben brauchen: Welche Rollen sie in einer Beziehung oder Hierarchie einnehmen können und dass diese Rollen wechseln können. Sie probieren sich aus und spüren, was es heißt, mal den guten und mal den bösen Part zu übernehmen, und lernen, das auszutarieren – und kommen dadurch auch mit ihren Schattenseiten in Kontakt. Sie lernen, dass es Grenzen gibt, dass diese Grenzen erst einmal willkürlich gesetzt werden und hinterfragbar und verhandelbar sind. Spielen ist ein Aushandeln von gesellschaftlichen Grundlagen. Aber auf einer anderen Basis, weil jeder Rollenspieler jederzeit sagen kann: Ich steige jetzt aus, das Spiel gilt nicht mehr.

„Das gilt nicht!“ ist ein Kernsatz kindlicher Rollenspiele.

Auf jeden Fall. Es signalisiert: Stopp! Wir müssen neu verhandeln! Dieses Ausprobieren, wie man sich zum Leben verhält, ist auch eine Auseinandersetzung mit anderen Sichtweisen – der Lerneffekt tritt ja erst dann ein, wenn man die Spielregeln mit denen aushandeln muss, mit denen man gerade spielt.

Liegt im Spielen nicht auch die Gefahr, in der Fantasie steckenzubleiben und mit der Realität nicht mehr klarzukommen?

Aus meiner Sicht ist es genau anders herum: Die Gefahr besteht eher darin, in der Realität steckenzubleiben, wenn man aufhört zu spielen.

Wie meinen Sie das?

Spielen ist seinem Wesen nach antifundamentalistisch. Wer seine eigene Weltsicht für absolut hält, ist gefangen darin. Und fängt vielleicht an, andere Sichtweisen zu bekämpfen, weil er alles, was anders ist, für bedrohlich hält. Spielen heißt doch anzuerkennen: Vieles ist möglich. Es gibt nicht nur eine Wahrheit. Niemand ist perfekt.

Wieso zeigt uns Spielen, dass niemand perfekt ist?

In unserer Gesellschaft gibt es die Erwartung, dass jeder seine Rolle zu hundert Prozent erfüllen muss: Aber wir sind nicht jederzeit die perfekte Ärztin oder Kassiererin oder der Techniker, der jedes Problem löst. Selbst der superbeschäftigte Manager fällt mal aus seiner Rolle. Diese Perfektionsvorstellungen funktionieren auch deshalb nicht, weil jeder einzelne und die Gesellschaft als Ganzes unterschiedliche Erwartungen an eine Rolle knüpfen: Für die einen muss ein Manager den Unternehmensgewinn maximieren, für die anderen muss er sich voll und ganz um seine Leute kümmern, für den Dritten hat er in seiner Freizeit Golf zu spielen und für den Vierten muss er ständig in der Lage sein, die besten Entscheidungen zu treffen, auch nachts um vier. Das geht einfach nicht auf. Aber wir erwarten es von den anderen und auch von uns selbst. Würden wir spielerischer mit unseren gesellschaftlichen Rollen umgehen, wüssten wir das.

Und wie können wir das lernen?

Im Theater zum Beispiel. Da kann man lernen, dass Scheitern oder Nicht-Gelingen dazu gehören und man es einfach ins Spiel mit hineinnehmen muss und kann. Selbst bei der realistischen Darstellung eines Stücks geht immer wieder etwas schief. Und wir alle lieben es, wenn das passiert: Wenn etwas runterfällt. Oder wenn der Schauspieler seinen Text vergisst oder ausrutscht. Und dann etwas daraus macht. Daran haben alle ihren Spaß und hinterher kann man gar nicht genau sagen: War das jetzt eigentlich Absicht – oder nicht?

Also machen wir uns besser locker?

Genau. Durchs Theater oder durch jede Art von Spiel kann man lernen, einen Schritt zurückzutreten, zu beobachten und auf Abstand zu sich zu gehen. Ich hab früher oft am Computer gespielt und mir war meistens klar: Ich spiele zwar irgendeinen Charakter, aber ich bin nicht dieser Charakter. Im wahren Leben vergessen wir das leicht: Wir alle spielen unsere Rollen, aber wir sind nicht unsere Rollen.

Wieso ist diese Distanz wichtig?

Der spielerische Umgang mit Vorstellungen wie: Wer könnte ich sein? Ich tu jetzt mal so als ob – das rettet einen doch auch. Wenn ich das kann, bin ich nicht mehr so darauf zurückgeworfen, immer nur Ich sein zu müssen.  Oder derjenige, auf den ich beruflich festgenagelt werde. Ich habe mich eine Zeitlang mit Dating-Portalen beschäftigt, wie sie gerade in Mode sind: Darin stellt man ein Profil ein – so bin ich, fertig - und checkt den anderen und sein Portfolio ab. Das ist ein statisches System mit eng definierten Grenzen, bei dem man mit einem Wisch entscheidet: Passt oder passt nicht. Da fehlen die Spielräume: Gerade in einer Liebesbeziehung erlaubt man sich doch normalerweise damit zu spielen: Wer sind wir eigentlich und wer könnten wir sein?

Lernen wir durch die Möglichkeiten der Digitalisierung nicht auch wieder, dass Rollen gestaltbar sind? Mein virtuelles Ich kann ich auch als Spiel verstehen und daraus alles Mögliche machen. Wer will mich da festnageln?

Ja, klar. Es kommt darauf an, wie man es benutzt. Und es gibt Wege, es zu unterwandern. Aber viele Portale bauen darauf auf, dass man ein eindeutiges Bild von sich präsentiert und sich dabei von seiner besten Seite zeigt. Und damit reduziert man sich, weil man unter dem Zwang steht, zu zeigen: Ich bin perfekt, wie ich bin! Spielen dagegen vermittelt die Gewissheit: Ich bin nicht fertig, ich kann mich weiter entwickeln. Wer spielt, kann Abstand nehmen von seinem Alltags-Ich. Und sich dadurch selbst überraschen und näher kommen. Ach, so bin ich also auch! So unbeherrscht oder fröhlich – und das kann man dann auch mal ausleben, ohne sich gleich zu disziplinieren, weil es im Alltag keinen Raum dafür gibt. Wir halten uns als Erwachsene nach meinem Geschmack sowieso viel zu oft in immer dem gleichen Raum auf, dem der Selbstoptimierung. Das ist auf Dauer doch langweilig. Es gibt ein Recht auf Unvollständigsein!

Das Wort „Spil“ bedeutet ursprünglich Tanzbewegung. Bedeutet Spielen also sich zu bewegen und bewegen zu lassen?

Ja, es ist etwas Dynamisches und etwas, das man tut. Außerdem ist Tanz die offenste Kunstform. Sie wird nicht durch Sprache begrenzt – im Tanz kann ich offenlassen, ob es bei meiner Performance um eine Liebesbeziehung geht oder um die Darstellung von Häuserschluchten in einer Großstadt.

Wenn das Leben eine Bühne wäre und wir Menschen die Schauspieler darauf: Worum sollten wir uns dann vor allem bemühen?

Um Präsenz. Zuschauer merken sofort, wenn ein Schauspieler mit seinen Gefühlen oder Gedanken woanders ist als in der aktuellen Szene. Wer im zweiten Akt schon an den Schlussapplaus denkt oder an seine kaputte Waschmaschine zuhause, kommt ins Stolpern oder verpasst seinen Einsatz. Deshalb muss ich mich auf der Bühne auf den Moment als solchen konzentrieren. Nur dort kann ich den Ball fangen, der mir zugeworfen wird und auf Unvorhergesehenes reagieren. Das Spiel findet immer nur jetzt statt. Das Leben auch.