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schnittstelle // Nähe schafft Neues

In Aachen arbeitet die digitale Wirtschaft im digitalHUB in einem ehemaligen Kirchenschiff zusammen. Start-ups, Mittelstand und Verwaltung sind gemeinsam an Bord.

von Bernd Müllender

Es war einmal eine Kirche am Aachener Blücherplatz, St. Elisabeth mit Namen. Anfang 2016 wurde sie entwidmet. Für die Zwischennutzung wurde sie zum „Hotel Total“: ein Ort nachbarlicher Begegnung, vorne der Altartresen, mittendrin sechs ständig ausgebuchte Schlafboxen zum „Himmlischen Schlafen“. Ein gefeiertes Projekt.

Jetzt ist das digitalHUB eingezogen. Hub bedeutet Umschlagplatz. Nach dem Knotenpunkt für Gott und der Schnittstelle für Kultur ist seit Juli 2017 ein Zentrum für die digitale Avantgarde der Region in die einstige Kirche gezogen. Jede Menge Start-ups, gemischt mit mittelständischen Firmen an einem Ort, gefördert von Politik und Hochschule. „Nähe schafft Neues“, nennt IHK-Hauptgeschäftsführer Michael Bayer das Ziel, durch freiwillige und flexible Zusammenarbeit voneinander zu profitieren. Deutschlands erstes Coworking-Space in einem Kirchenschiff ist eines von sechs geförderten Zentren für die digitale Wirtschaft in NRW. 

Gegenüber Start-ups hat man als Außenstehender so seine Vorurteile: Verhuschte Master-Studenten der Informatik, von Bits und Bytes umweht, kommunizieren über den Laptop auf dem Schoß digital mit Gleichgestrickten. Die einstige Weite des Gotteshauses aufgeteilt in winzige Büroboxen mit bildschirmfixierten Bewohnern an banalen Schreibtischen mit Firmenschildchen und Logo. Jeder für sich.

Wichtig: der barrierefreie Zugang zueinander

Alles falsch. „Wichtig ist für alle der barrierefreie Zugang zueinander“, sagt Iris Wilhelmi. Die ehemalige IHK-Fachleiterin für Technologiegründer ist Geschäftsführerin des digitalHUB. Häufige Synergien: Die kleinen Firmen entwickeln Software-Ideen und kreative Geschäftsgrundlagen, die Großen wenden sie an und nutzen sie. 

Die Kirche als weiter Raum ist geblieben, aus fünf der sechs Schlafkuben sind Gruppenbüros geworden, mit großen Motiven bunt gestaltet. Die grellen Fünfzigerjahre Sitzmöbel und das Ensemble pastellfarbener Kardinalsstühlen kontrastieren mit der verschnörkelten Kanzel daneben. In einer Ecke liegen Fatboy-Sitzsäcke. Über dem einstigen Altar prangt der rot beleuchtete Schriftzug „Elysee“ aus einem ehemaligen Aachener Kino. Iris Wilhelmi zeigt die verschiedenen Arbeitsbereiche: Es gibt so genannte Flex Desks, Schreibtische auf Rollen, dazwischen Kommunikationsinseln, klassische Besprechungsräume im Seitenschiff und einen langen Arbeitsbereich in der Mitte. Während großer Veranstaltungen ist das gesamte Schreibtisch-Ensemble an den Seiten binnen Minuten verschwunden. Hier ist Platz für gut hundert Mieter, 50 Euro kostet ein Flex Desk monatlich. Man muss sich bewerben. „Ich überlege dann“, sagt Wilhelmi, „wer passt zu wem?“ Auch Anwälte, Berater oder Fachjournalisten seien möglich, nicht nur digitale Denker. 

Wilhelmi sprudelt über vor Fachchinesisch und erzählt von „digital readyness check“, „bottom up Digitalisierungsbewegung“ und der Organisation des HUB. Sie überblickt Projekte und Ansätze und bringt im besten Fall große Firmen und kleine Entwicklungsteams zusammen. Es gibt Workshops wie das weltliche Dreitage-Enklave mit 40 Studenten. Auftrag: „Denkt Euch die verrücktesten Sachen aus.“ Oder umgekehrt: Unternehmen stellen ihre Ideen vor. Auftrag: „Nehmt das ordentlich auseinander.“ Man müsse im HUB „um die Ecke denken“, sagt Wilhelmi. Um immer neue Ecken. Bis man sich im Labyrinth der Möglichkeiten hoffentlich trifft. 

Best-Practice als lokaler Geschäftserfolg

Im ehemaligen Kaplanhaus der Kirche sind feste Arbeitsräume und kleine Werkstätten untergebracht. Ein Start-up arbeitet hier an neuartigen Wagensitzen. Daneben ist der 23-jährige Christian Bartsch vom Start-up So nah zugange. Er tüftelt daran, wie autonom fahrende Autos einmal autonom freie Parkplätze finden können. „Eine Schnittstelle zwischen beiden wäre klasse“, sagt Wilhelmi. Bartsch strahlt.

Oliver Grün, Vorstandsvorsitzender des digitalHUB, nennt als zeitgemäße Beispiele der digitalen Revolution Airbnb und Uber: „Die Wertschöpfung wandert inzwischen vom Produkt in softwarebasierte Plattformen“, sagt er. Wilhelmi erzählt von einem lokalen Geschäftserfolg: Das Autohaus Kohl hat sich mit dem Aachener Start-up fleetbutler zusammengetan, unter dem Motto: Software ist der Schlüssel zur Mobilität. Ihr Ziel ist der digitale Firmenwagen. Das firmeninterne Car-Sharing ist seit Sommer via App zu nutzen, privat und geschäftlich, alle steuer- und versicherungsrelevanten Fragen gelöst. „Unser Best-Practice-Beispiel“, sagt Wilhelmi. Geplante Kostenersparnis: bis zu 40 Prozent. Und wann kommt das digitale Nachbarschaftsauto? „Gute Idee, ja … werde ich mal weitergeben.“

Rasanter Anstieg der Mitgliederzahlen 

Auch die regio iT gehört zu den 23 Gründungsmitgliedern des digitalHUB. Inzwischen ist die Zahl der Mitglieder innerhalb eines Jahres auf 280 gestiegen. Der Verein wächst rasant. Der Schwerpunkt der Fokusgruppe eGovernment/Open Data, dem die regio iT angehört, ist die Vernetzung von Verwaltungen mit Start-ups und Mittelstand und ihre Transformation in die digitale Moderne.

In einem Kubus, offen zur Kirchenmauer hin, diskutieren vier junge Männer und Frauen des Strategie-Workshops der kleinen Firma EnergieLoft, die Trends der Energiebranche (Brennstoffzellen, Wind, Batterietechnologien) analysiert und als Innovationsbegleiter Start-ups und Energieversorger zusammenbringt. Das Fachgespräch hat erfrischend wenige Anglizismen. An den Seitenwänden hängen zig Post-its und vollgeschriebene gelbe Karteikarten, mit Klebefilm befestigt, ein Großteil hängt schief. Digitale Kreativität zum Anfassen. Ganz analog.